Ein Merkmal der virtuellen Kommunikation
Yulia Clausen
Entstehungsgeschichte: Was ist Virtueller Flausch?
Virtueller Flausch bezeichnet (sprachliche) Handlungen, die in virtuellen Räumen (z.B. auf Social MediaPlattformen) dazu dienen, Menschen zu ermutigen, zu unterstützen und zu bestärken.
Ursprünglich geht der Begriff des Flausches auf das 18. Jahrhundert zurück (vgl. Pfeifer/Braun 1993) und wird in der physischen Welt für weiche, angenehme Stoffe, wie Plüsch oder flauschige Wolldecken benutzt, die ein Gefühl von Geborgenheit und Komfort vermitteln. Populär wurde der Begriff durch soziale Medien, wo er sich zunächst auf Bilder von im ursprünglichen Wortsinne flauschigen Tieren (Stefan Niggemeier; Blog) und später auch auf nur im übertragenen Sinne »flauschige« Wörter und Emojis bezog, die aber mit ähnlich warmen, wohligen Gefühlen assoziiert werden.Virtueller Flausch stellt somit einen Gegensatz zu aggressiven Online-Interaktionen (u.a. in Kommentarfeldern) und virtueller Hassrede dar (vgl. Gaderer/Grömmke 2024).
Kompetenzen: Was kann Virtueller Flausch?
Virtueller Flausch kann Menschen auf positiver Weise beeinflussen und eine wohltuende Atmosphäre in virtuellen Räumen schaffen. Er fördert Integration und stellt für die Nutzer*innen von Social Media-Plattformen eine Möglichkeit dar, ein positives und einladendes Umfeld zu kreieren, der eine Zuflucht vor Umgebungen bieten kann, die von Konflikten und sogar Aggressivität geprägt sein können. Aus (computer)linguistischerPerspektive ermöglicht die Annotation der Flauschkommentare in Social Media-Korpora eine Analyse der Verwendungshäufigkeit solcher Ausdrücke sowie eine Differenzierung von Flauschtypen. Darüber hinaus kann der Zusammenhang zwischen der Kanal- bzw. Profilthematik der Contentcreator*innen (z.B. auf YouTube oder Instagram) und der Verwendung von Flausch untersucht werden. Auf diese Weise können beispielsweise spezifische Flauschtypen mit bestimmten Contentcreator*innen bzw. deren Fangemeinschaften in Verbindung gebracht werden.
Erkenntnisse: Was zeigt Virtueller Flausch?
Die systematische Analyse von Korpusdaten zeigt, dass Unterhaltungen in virtuellen Räumen nicht nur von Hasskommentaren geprägt sind, sondern auch durchaus positiv und respektvoll sein und das Gefühl von Zugehörigkeit vermitteln können. So finden sich z.B. in den Kommentarfeldern der YouTube Videos viele »flauschige« Kommentare. Analysen zeigen, dass diese oft initiativ sind, aber auch Reaktionen auf Hasskommentare darstellen können, die Kommentator*innen dazu anregen, negative Kommunikationspraktiken abzuschwächen bzw. ganz aufzugeben. Auf der anderen Seite werden Nutzer*innen dazu aufgerufen, negativen Kommentaren keine Beachtung zu schenken und sich »nicht unterkriegen« zu lassen (Bild 1).
Darüber hinaus werden Emoji und Hashtags eingesetzt, um eine Gruppenzugehörigkeit zu kennzeichnen, was zur Entstehung virtueller Communities beitragen kann. So markieren z.B. #Lochinatorforever und 🦄 in den Kommentarfeldern der YouTube Videos Zugehörigkeit zu bestimmten Fangemeinschaften (Bild 2).
Die Tatsache, dass es verschiedene Typen von virtuellem Flausch gibt, deutet darauf hin, dass er eine bedeutende Rolle in der virtuellen Kommunikation spielt und auf unterschiedliche Weise einen positiven Umgang miteinander gestaltet. Der Fokus von zahlreichen( computerlinguistischen) Methoden kann und sollte somit nicht nur auf der Erfassung und Analyse von virtuellem Hass liegen. Eine Perspektive auch auf unterstützende Gespräche kann Funktionsweisen von Flausch-Kommentaren offenlegen, und Möglichkeiten zur strategischen Förderung eines positiven und respektvollen Umgangs in virtuellen Räumen eröffnen (z.B. durch Hervorhebung positiver Beiträge in den Kommentarfeldern).
Die Virtueller Flausch-Decke (Bild 3) ist im Rahmen des Hochschulforums 2024 »Forschungsdaten in den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften: Virtualität beforschen« an der RUB entstanden. Sie »besteht« aus Virtuellem Flausch, der im Rahmen der linguistischen Annotationen identifiziert wurde. Flauschige Stoffe mit unterschiedlichen Strukturen wurden unterschiedlichen Flauschtypen zugeordnet und mit sprachlichen Flauschäußerungen bestickt. Die Decke zeigt eine Beziehung zwischen Gefühlen, wörtlichen Ausdrücken und taktilen Strukturen, die in ihrer Gesamtheit unterschiedliche Ebenen des (virtuellen) Flauschs darstellen.
Quellen
Gaderer, Rupert/Grömmke, Vanessa (Hg.) (2024): Hass teilen. Tribunale und Affekte virtueller Streitwelten, Bielefeld: transcript.
Niggemeier, Stefan Blog: http://www.stefan-niggemeier.de/blog/tag/flauschcontent/page/7/.
Pfeifer, Wolfgang/Braun, Wilhelm (Hrsg.) (1993): Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. Berlin: Akademie-Verlag. Digitalisierte und von Wolfgang Pfeifer überarbeitete Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache: https://www.dwds.de/d/wb-etymwb.
Weiterführende Literatur
Cotgrove, Louis (2023): The NottDeuYTsch corpus: A corpus of German-language YouTube comments. Korpora Deutsch als Fremdsprache, 3:225–229.
Scheffler, Tatjana/Nenchev, Ivan (2024): Affective, Semantic, Frequency, and Descriptive Norms for 107 Face Emojis. Behaviour Research Methods, 2024, DOI: 10.3758/s13428-024-02444-x.
Das Virtuelle Objekt des Monats
Seit April 2023 stellen wir jeden Monat ein »Virtuelles Objekt des Monats« (VOM) auf der Website des Sonderforschungsbereichs 1567 »Virtuelle Lebenswelten« vor. Die präsentierten Objekte entstammen der Forschung in den Teilprojekten. Im Zusammenspiel von Text und Animation, desktop- oder smartphonebasierter Augmentierung oder anderer grafischer Aufbereitungen eröffnen wir Einblicke in die verschiedenen Forschungsthemen und den Arbeitsalltag des SFB. Das VOM macht unsere Wissensproduktion transparent. Zugleich wollen wir hier mit den Möglichkeiten und Grenzen der Wissensvermittlung in und durch Virtualität und Visualität experimentieren.
Das »Virtuelle Objektdes Monats« ist mehr als ein populärwissenschaftlicher Text und mehr als ein illustrierendes Bild. Die Autor*innen des jeweiligen VOM präsentieren kurz einen Gegenstand ihrer Forschung um daran ein Argument scharfzustellen. Dabei werden die Objekte auf ihren Mehrwert hin befragt, den sie in dem jeweiligen Forschungssetting preisgeben. Mit dem Text skizzieren unsere Wissenschaftler*innen das Bemerkenswerte, das Eigentümliche oder auch das Einzigartige, welches das jeweilige Objekt zeigt. Sie machen so die Forschung des SFB in einem kurzweiligen Schlaglicht sichtbar. Die zum VOM gehörende Visualisierung ist eine weitere Transformation des Forschungsgegenstands, die das Argument noch einmal auf eine andere Art und Weise zugänglich macht.