Virtuelles Objekt des Monats

Tabula Cebetis in VR

Das Greifen nach der Virtualität eines Kunstwerks

Helene Seewald

April 2025
twoclickplayer-oQc8UITDWNc

Entstehungsgeschichte: Was ist Tabula Cebetis in VR?

Die Tabula Cebetis ist ein Kulturphänomen. Ausgangspunkt ist ein griechischer Text stoischen Inhalts. Dieser führt über seine lateinische Übersetzung im 15. Jahrhundert hin zu zahlreichen bildlichen Darstellungen im 16. und 17. Jahrhundert und lebt bis heute in aktuellen Interpretationen des Themas fort. So lässt sich das Spielberg-Science-Fiction-Abenteuer »Ready Player One« von 2018 durchaus als eine filmische Überarbeitung der antiken Ekphrasis sehen.

Tabula Cebetis, die Tafel des Kebes, ist eine Bildbeschreibung, welche wahrscheinlich im 1. Jahrhundert entstanden ist und fälschlicherweise dem Philosophen Kebes von Theben (5-4 Jh.v.Chr.) zugeschrieben wurde. Das Bild zeigt eine Lebensreise, deren Ziel es ist, den Lastern zu entfliehen und die Glückseligkeit zu erreichen. Um jedoch so weit zu kommen, sollten nicht nur die falschen Meinungen und zahlreichen Begierden überwunden, sondern auch das große Feld des falschen Wissens überquert werden. Auf den druckgraphischen Bildern des 16. Jahrhunderts, denn zu diesem Zeitpunkt erreicht der antike Text seine größte Popularität, wird das falsche Wissen als artes liberales, im 17. Jahrhundert kommen noch die artes mechanicae hinzu, dargestellt. Das universitäre Curriculum darf jedoch nicht umgangen werden, da nur dieses an den Ort des wahren Wissens und des Glückes führt, wo auch die Tugenden, virtutes, zu finden sind. Mit ihrem Beistand ziehen die Menschen an den Lastern vorbei und können so ein befreites Leben führen.

Kompetenzen: Was kann Tabula Cebetis in VR?
Tabula Cebetis (1592), Hendrick Goltzius, Jacoob Matham

Die VR-Anwendung Tabula Cebetis ist eine begehbare Landschaft, welche sich auf die Bildinterpretationen des 16. und 17. Jahrhunderts bezieht. Sie übernimmt teilweise die Figuren aus dem Kupferstich von Hendrick Goltzius und Jacob Matham von 1592, teilweise werden Architektur und Übergänge als 3D-Modelle hineingesetzt. Diese 3D-Modelle bilden drei Kategorien: Es sind konkrete Bauwerke wie Mauern, Tore oder Tempel, Naturerscheinungen wie Bäume oder Höhlen und abstrakte Formationen, zu denen auch unterschiedliche Lichtverhältnisse gehören. Die Figuren der Tugenden wurden mit Hilfe von KI-Generatoren auf der Grundlage des Goltzius-Stiches modelliert.

Die VR-Anwendung ist nicht als eine Übersetzung des Textes oder Bildes in die dreidimensionale Landschaft zu verstehen. Es ist ein Experiment, das die Virtualität eines frühneuzeitlichen Kunstwerkes, – wie des Kupferstiches von Goltzius, welcher den philosophischen und historischen Kontext in sich fasst und durch die Bildelemente an die Betrachter*innen vermittelt, – untersucht. Diese Virtualität eines Kunstwerks, die zuvor nur in einem imaginären Raum die Lebenswelt der Betrachter*innen und das epistemische Potenzial des Stiches zusammenführte, kann nun in einem virtuellen Raum erfasst werden. Denn durch die immersive Erfahrung wird der Pfad zum Glück nicht mehr (nur) im Geiste verfolgt. Die Betrachter*innen sind auf konkrete körperliche Handlungen angewiesen, um auf ihrem ›Lebensweg‹ weiterzukommen.

 

Erkenntnisse: Was zeigt Tabula Cebetis in VR

Besonders interessant ist die Untersuchung der Rolle der Tugenden, vitutes, bei der Entwicklung der Tabula Cebetis in VR. Die Tugenden bestärken und beglücken, der Bildbeschreibung nach, die Menschen, aber nur, wenn die Tugenden wahrgenommen werden, was bei der Betrachtung des Kupferstiches im direkten Sinn visuelles Wahrnehmen bedeutet: Die Betrachter*innen sehen die Tugenden und streben ihnen entgegen.

Im virtuellen Raum sind die Betrachter*innen, da die Tugenden nicht unmittelbar sichtbar sind, auf ihr Wissen und ihre Erinnerung angewiesen – sie haben vor dem Eintritt in die Lebenslandschaft die »Karte«, also den Goltzius-Stich zu sehen bekommen. In dieser Gegenüberstellung der Wahrnehmungsmodi – direkte Sichtbarkeit vs. körperliches Handeln – ausgehend von Erinnerung und Wissen wird die Virtualität des Kunstwerks greifbar. Denn der hier benutze Goltzius-Stich zeigt die Lebensreise der Menschen, denen der visuelle Zugriff auf die Tugenden entzogen ist und bittet auch seine Betrachter*innen darum, diese Rolle einzunehmen. Die Betrachter*innen, die den Stich in ihrer Vorstellung abschreiten, wechseln ständig zwischen dem faktischen Zustand der kompletten Sichtbarkeit und dem imaginären Zustand der verwehrten Sichtbarkeit. In diesem imaginären Zustand gelten die Vorgaben der Ekphrasis, entsprechend ist den Reisenden der Blick auf die Tugenden zwar nicht möglich, dennoch sollten sie stets nach ihnen streben.

Die Tabula Cebetis in VR stellt das Imaginationsbild dieser Reise dar und lässt somit die Tugenden aus der Sichtbarkeit in die Virtualität übergehen. So ist auch die Wirkung und die Aussage des Goltzius-Stiches zu verstehen. Das Kunstwerk macht deutlich, dass in der Handlung selbst keine Tugenden anwesend sind, ihre Präsenz jedoch als ein Leitbild im Bewusstsein der Handelnden bewahrt werden sollte.

Die Anwendung entstand 2024 in einer Zusammenarbeit des TeilprojektsC04 Normative Bildräume mit Jens Fehrenbacher, Assoziiertes SFB-Mitglied.

 

 

Quellen

Hirsch-Luipold, Rainer/Feldmeier, Reinhard/Hirsch, Barbara/Koch, Lutz /Nesselrath, Heinz-Günther (2005), DieBildtafel des Kebes. Allegorie des Lebens, Darmstadt: WissenschaftlicheBuchgesellschaft.

Schleier, Reinhart (1973), Tabula Cebetis oder »Spiegeldes menschlichen Lebens, darin Tugent und untugent abgemalet ist«. Studien zur Rezeption einer antiken Bildbeschreibungim 16. und 17. Jahrhundert, Berlin: Gebr. Mann Verlag.

 

Weiterführende Literatur

Baumann, Charlotte/Mariam Hammami, Mariam/Rüth, Sophie (2022): »Topographie der Erkenntnis, Claes Jansz. Visschers (Re-)Inventio der Tabula Cebetis nach Hendrick Goltzius«, in: (Re-)Inventio, Die Neuauflage als kreative Praxis in der nordalpinen Druckgraphik der Frühen Neuzeit, Mariam Hammami /Anna Pawlak/Sophie Rüth (Hg.), Berlin: De Gruyter, S. 107-136. 

Bolinski, Ina/Ciochon, Lena/Fehrenbacher, Jens/Haaren, Suzette van/Kokot, Sylvia/Künzel, Philipp/Przybylka, Nicola/Seewald, Helene/Smirnov, Roman/Veen, Manuel van der/Weidemann, Ronja (2025): »Herausforderungen immersiver Forschung, Ein 360°-Rundumschlag aus geisteswissenschaftlicher Perspektive«, in: Virtuelle Universität, Patriza Breil/Florian Sprenger (Hg.), Bielefeld: transcript Verlag (In Vorbereitung).

Kranen, Annette/Krass, Ute/Zimmer, Nina (2021): Der Weg zum Glück. Die Berner Kebes-Tafel und die Bilderwelten des Barock: Ausstellungskatalog, Bern Open Publishing.

Seewald, Helene (2025): »Der Weltlauf ist on, Eine eigensinnige Web-Allegorie von 1997«, in: Eigensinnige Objekte, Patrizia Breil/Alisa Kronberger (Hg.), Bielefeld: transcript Verlag, S. 313-325.

Weddigen, Tristan (2003): »Italienreise als Tugendweg, Hendrik Goltzius’ Tabula Cebetis«, in: Jan de Jong/Dulcia Meijers/Mariët Westermann/Joanna Woodall (Hg.), Netherlands Yearbook for History of Art 54. VIRTUE: virtuoso, virtuosity in Netherlandisch Art 1500-1700, Leider: Brill, S. 90-139.

 

Bildrechte: Tabula Cebetis, Hendrick Goltzius, Jacoob Matham, Kupferstich, 1592. © Rijksmuseum, Amsterdam